„Ich glaube, meine Hände leiden an Hyperaktivität...“

— Alice Sara Ott
Musik ohne Regeln und Etiketten
Interview mit der Pianistin Alice Sara Ott, die am 26. September 2015 beim ClubbingClassic Musikfestival zu erleben ist.

Frau Ott, Ihre Mutter war auch Pianistin und eigentlich dagegen, dass Sie das Klavierspielen lernen wollten. Wie haben Sie sich dagegen durchgesetzt?

Alice // Ich fing an, mich für Puzzlespiele zu interessieren und am Anfang, als ich noch die 200- oder 300-Stück-Bilder zusammenstellte, waren alle glücklich mit meinem neuen Hobby. Als ich jedoch nach einer Weile anfing, mich zu langweilen und nach den 1000-Stück-Puzzlebildern und den 3D Puzzlen zu fragen, war mein Vater der Meinung, das wäre kein gesunder Zeitvertreib und überredete meine Mutter, mich endlich ans Klavier zu lassen.

 

Was bedeutet es Ihnen, vor Publikum aufzutreten?

Alice // Ohne das Publikum würde es keine Musik geben. Für mich ist die Musik die natürlichste und ehrlichste Sprache mit dem Publikum zu kommunizieren und es setzt mir im Gegensatz zur verbalen Linguistik keine Grenzen. Dadurch, dass ich in zwei verschiedene Kulturen hineingeboren wurde und weder in Deutschland noch in Japan jemals als Einheimische behandelt worden bin, war es auch die Musik und die Bühne, die mir von früh auf eine Identität gab. Das war der einzige Ort, an dem ich nicht nach meiner Herkunft gefragt worden bin.

 

Sie haben deutsche und japanische Wurzeln. Welche typisch japanischen oder typisch deutschen Eigenschaften machen Sie bei sich aus?

Alice // Puh, das kann ich selbst kaum objektiv beantworten. Und ich glaube auch nicht, dass ich meinen Charaktereigenschaften eine Nationalität geben möchte. Ich bin ein Weltenbummler, dessen Ecken und Kanten bei jeder Reise geformt und geschliffen werden.

 

Würden Sie anders sein, wenn Sie nicht in Deutschland aufgewachsen wären?

Alice // So sehr ich das Land auch liebe und schätze: ich bin sehr froh, dass ich nicht in Japan aufgewachsen bin. Ich mag Europa und in Deutschland lässt es sich in vielen Hinsichten gut leben.

 

Wann war es für Sie klar, professionelle Pianistin zu werden?

Alice // Ich glaube, das wort "professionell" hat für mich nie eine Rolle gespielt. Ich habe für mich an dem Tag, als ich mit drei Jahren ein Klavierrezital erlebte, die Musik als ultimatives Kommunikationsmedium entdeckt und seitdem gab es für mich nie einen anderen Berufswunsch. Ich hatte natürlich sehr viel Glück in meiner Ausbildung und meinem bisherigen Werdegang gehabt, nie an dem Punkt zu stehen, wo ich entscheiden musste, ob ich diesen Weg auch wirklich gehen kann.

 

Wie setzen Sie sich mit der Intension eines Komponisten auseinander?

Alice // Es ist wie eine Beziehung. Mal ist es Liebe, mal ein bisschen Hass und man versucht, alltägliche Hürden zu meistern.

 

Auf den unzähligen Gastspielreisen haben Sie begonnen zu zeichnen. Ist das noch ein Relikt aus „Kindheitstagen“?

Alice //  Ich glaube, meine Hände leiden an Hyperaktivität. Ich muss stets irgendetwas mit meinen Fingern machen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich mit dem Zeichnen angefangen habe, aber sobald ich einen Stift in die Finger kriege, male ich irgendetwas. Aber ich bin kein geduldiger Mensch. Alles muss schnell gehen. Deswegen wäre ich wahrscheinlich nie in der Lage, das Malen professionell zu erlernen und viel Zeit und Aufwand in ein Gemälde oder eine Zeichnung zu stecken. (www.alicesaraott.com/artwork/)

 

Sie sind bekannt dafür, spontan und neugierig zu sein. In der Klassik lassen Sie sich gerne auf neue Wege ein, die aber nicht mit Crossover-Projekten zu vergleichen sind. Wie ordnen Sie das Scandale-Programm mit Francesco Tristano ein?

Alice // Ich mag es nicht so gerne, Projekte in eine Schublade zu stecken. Für mich gibt es nur einen Unterschied zwischen guter und schlechter Musik. Dieses Projekt mit Francesco ist eine Hommage an einen Mann, der mit seiner bunten Gruppe aus Tänzern, Musikern und Künstlern die Kunstwelt auf den Kopf gestellt hat: Sergey Diaghilev. Es ist Musik, die damals die Menschen provoziert, geschockt und entrüstet hat. Und die so unglaublich toll für zwei Klaviere von den Komponisten selber arrangiert worden ist.

 

Warum glauben Sie, besuchen weniger Menschen Ihres Alters klassische Konzerte?

Alice // Naja, ich halte nicht viel von den Regeln und Etiketten, die sich den letzten zwei Jahrhunderten in klassischen Konzerthäusern festgesetzt haben. Man wird zur absoluten Ruhe verordnet, zum Nichtklatschen während Satzpausen (und wenn man doch klatscht, wird man belächelt, keine Ahnung vom Werk zu haben..) und auch hat sich in manchen Städten ein gewisser Dresscode etabliert. Somit hat die klassische Musik nicht nur den Stempel bekommen, nur etwas für Menschen mit Bildung ist, sondern führt durch die Verkrampftheit, nur nicht den Künstler auf der Bühne zu stören, auch zu dem Hustkonzert in den Satzpausen, wo alle das Gefühl haben, das dies der einzige Moment ist, an dem sie kurz nach Luft schnappen dürfen.

Ich finde es schön, wenn man sich für einen Konzertabend fein machen und es auch mit einem Dinner in einem schicken Restaurant verbinden möchte. Das ist für manche eine sehr schöne Tradition. Aber ich weiss auch, dass es Menschen gibt, die sich in Jeans und T-shirts wohler fühlen. Und das genau ist mein Punkt. Man muss sich absolut wohl fühlen, um sich der Musik öffnen zu können. Und jeder hat da seine ganz eigene Art. Ich möchte meinem Publikum nicht vorschreiben, wie es die Musik zu genießen hat, sondern dazu auffordern, es selbst herauszufinden. Ich selbst fühle mich barfuß am wohlsten und deswegen spiele ich alle meine Konzerte ohne Schuhe.

Musik soll bewegen, begeistern, zum Nachdenken anregen und die Emotionen, die dabei enstehen, sollen nicht unterdrückt werden. Man sollte nicht vergessen, dass das Publikum ein Teil der Musik ist. Wir Musiker leben von seinen Emotionen und Reaktionen.

 

Was werden wir in Mönchengladbach aus dem Scandale Programm hören oder besser: was glauben Sie, welche Werke aus diesem Programm die Gladbacher für sich entdecken könnten?

Alice // Ich hoffe, dass das Publikum jedes Werk neu entdecken kann. Auch Francesco und ich entdeckten in jedem Konzert die Werke neu. Es ist ein sehr physisches Programm, in dem man mit jeder Faser des Körpers fühlen kann, wie schön, zauberhaft, grotesk, hässlich, zynisch und traurig Musik sein kann und es ist jedes mal eine Freude, das Publikum in Francescos eigener Komposition aktiv mitwirken zu lassen.

Ach übrigens, dieses Programm ist so kräftezerrend, dass wir es ohne Tonnen von Espressi und Schokolade nicht überstehen könnten...

 

Dann werden wir Ihnen den Abend damit versüssen, damit das Publikum voll und ganz auf seine Kosten kommen kann. Wir freuen uns riesig. Vielen Dank für das Interview!

 

Interview: Laura Iglisias für standpunkt

Fotos: Marie Staggat, Deutsche Grammophon.

Interview mit Franceco Tristano:

Francesco-Tristano

Interview mit Kunstgeschwister:

Kunstgeschwister-Teaser

Interview mit Brandt Brauer Frick:

BBF-Bild-Teaser

Alice Sara Ott live erleben!
Am 26. Septemer 2015 kannst du Francesco Tristano, Alice Sara Ott und Brandt Brauer Frick live beim ClubbingClassic Musikfestival in Mönchengladbach erleben.

ClubbingClassic ist ein Projekt des Vereins der
Freunde und Förderer der Musik in Mönchengladbach e.V.

 

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standpunkt liebt Musik und ist Medienpartner vom ClubbingClassic Musikfestival.
www.standpunktonline.com

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